Grüner Stahl 2026, warum das Drei-Milliarden-Projekt in Duisburg auf der Kippe steht
Die Finanzierung eines Drei-Milliarden-Vorhabens für grünen Stahl wird neu verhandelt, weil die Wasserstoffannahme nicht aufging. Technik, Kosten und Förderrahmen erklärt.

Das Wichtigste in Kürze
- Für ein Vorhaben für grünen Stahl in Duisburg mit rund drei Milliarden Euro Volumen wird die Finanzierung neu verhandelt.
- Die Annahme, dass genug grüner Wasserstoff zu tragfähigen Preisen verfügbar ist, hat sich als unrealistisch erwiesen.
- Zum 1. Januar 2026 gab es weniger kostenlose Zertifikate im Emissionshandel, und für Stahl endet die kostenlose Zuteilung 2034.
Warum Stahl ein Sonderfall ist
Im Hochofen wird Eisenerz mit Koks erhitzt. Der Kohlenstoff aus dem Koks entzieht dem Erz den Sauerstoff, dabei entsteht flüssiges Roheisen. Kohlendioxid bildet sich zwangsläufig, denn der Kohlenstoff ist kein Brennstoff, sondern Teil der Reaktion. Deshalb hilft Ökostrom auf dieser Route nicht. Das Verfahren selbst muss ausgetauscht werden.
Dazu kommt die Größenordnung. Ein Hochofen läuft nach dem Anfahren durchgehend, bis nach zehn bis zwanzig Jahren eine Neuzustellung ansteht. Diese Zeitpunkte sind die Entscheidungsmomente. Wer dann nicht umstellt, legt sich für Jahrzehnte auf die alte Technik fest.
Die Alternative heißt Direktreduktion. Wasserstoff entzieht dem Erz den Sauerstoff, als Nebenprodukt entsteht Wasserdampf. Das feste Vorprodukt wird im Elektroofen eingeschmolzen. Wie klimafreundlich das ist, hängt davon ab, wie Wasserstoff und Strom erzeugt wurden.
Woran die Rechnung hängt
Grüner Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse, also durch Spaltung von Wasser mit Ökostrom. Ein erheblicher Teil des eingesetzten Stroms geht dabei verloren. Wasserstoff ist deshalb ein Umweg, der sich nur dort lohnt, wo Prozesse nicht direkt elektrifiziert werden können. Die Stahlherstellung ist so ein Fall.
Die Rechnung hängt an zwei Größen, der verfügbaren Menge und dem Preis. Beide Annahmen waren zu optimistisch. Erzeugungsanlagen wurden langsamer gebaut als geplant, Leitungsnetze fehlen, die Kosten liegen über den Erwartungen. Als Übergang starten solche Anlagen meist mit Erdgas und stellen später um. Das senkt den Ausstoß, erreicht aber nicht das Ziel.
Warum sich die Anlage schwer rechnet
Erstens die Investition. Rund drei Milliarden Euro für eine Anlage übersteigen die Ertragskraft eines Stahlherstellers über Jahre. Zweitens die laufenden Kosten. Die Herstellung mit Wasserstoff bleibt teurer als mit Koks, solange Wasserstoff teuer ist.
Drittens der Absatz. Stahl wird weltweit gehandelt, der Preis bildet sich international. Ein höherer Herstellungspreis lässt sich nicht weitergeben, denn der Käufer vergleicht mit Regionen ohne vergleichbare Klimaauflagen. Daher der Grenzausgleich, eine Abgabe auf Einfuhren in Höhe des heimischen CO2-Preises.
Viertens die Zeit. Fachleute erwarten eine lange Phase, in der alte und neue Verfahren nebeneinander laufen. Umgestellte Anlagen rechnen sich erst bei ambitionierten CO2-Preisen, und dieselben Preise belasten den Bestand, mit dem die Übergangszeit bestritten wird.
Förderung und Zeitplan
Investitionszuschüsse senken die Anfangskosten, nicht die laufenden. Dafür gibt es Differenzverträge. Der Staat gleicht die Mehrkosten aus, solange sie bestehen. Steigt der CO2-Preis so weit, dass das neue Verfahren günstiger ist, zahlt das Unternehmen zurück. Leitmärkte schaffen gezielt Nachfrage nach sauberer Ware, etwa über Vorgaben bei öffentlichen Aufträgen, sodass der Hersteller einen Preisaufschlag bekommt.
Das vierte Instrument ist der Emissionshandel selbst. Die Kommission hat am 17. Juli 2026 einen Vorschlag zur Überprüfung vorgelegt, der das System auf das Klimaziel für 2040 ausrichtet, also auf eine Netto-Emissionsminderung von 90 Prozent gegenüber 1990. Planungssicherheit steht in der Themenliste der Reform weit oben, neben Investitionsanreizen, Schutz vor Abwanderung, bezahlbarer Energie und Infrastruktur.
2034 wirkt weit weg, ist es für Anlagen mit Jahrzehnten Nutzungsdauer aber nicht. Wer jetzt einen Hochofen erneuert, legt die Technik der 2040er Jahre fest. Auch der Strompreis zählt. Der deutsche Terminmarktpreis für das Grundlastband 2027 verteidigt die Marke von 100 Euro je Megawattstunde, der Gasgroßhandelspreis lag zuletzt rund 30 Prozent über dem Niveau von Ende Juni.
Häufige Fragen
Was ist grüner Stahl
Stahl, der nicht im Hochofen mit Koks, sondern über Direktreduktion mit Wasserstoff hergestellt wird. Als Nebenprodukt entsteht Wasserdampf statt Kohlendioxid. Wie klimafreundlich das Ergebnis ist, hängt davon ab, wie Wasserstoff und Strom erzeugt wurden.
Warum steht das Vorhaben in Duisburg auf der Kippe
Die Annahme über Verfügbarkeit und Preis von grünem Wasserstoff hat sich als unrealistisch erwiesen. Erzeugungsanlagen und Leitungsnetze entstehen langsamer als geplant, die Kosten liegen höher. Deshalb wird die Finanzierung des rund drei Milliarden Euro schweren Vorhabens neu verhandelt.
Warum hilft Ökostrom im Hochofen nicht
Der Kohlenstoff ist dort kein Brennstoff, sondern Teil der Reaktion, die dem Erz den Sauerstoff entzieht. Kohlendioxid entsteht zwangsläufig, unabhängig von der Energiequelle.
Welche Rolle spielt der Emissionshandel
Eine zentrale. Zum 1. Januar 2026 wurden weniger kostenlose Zertifikate zugeteilt, und für Sektoren im Grenzausgleich, darunter Stahl, endet die kostenlose Zuteilung 2034. Am 17. Juli 2026 hat die Kommission einen Reformvorschlag mit Ausrichtung auf das Klimaziel für 2040 vorgelegt.
Welche Förderinstrumente gibt es
Investitionszuschüsse, Differenzverträge für die laufenden Mehrkosten, Leitmärkte durch gezielte Nachfrage nach sauberer Ware sowie der Emissionshandel selbst, der den Preisunterschied zwischen alter und neuer Technik verringern soll.
Diese Analyse dient nur der Information und ist keine Anlageberatung.
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